Der Singkreis St. Vitus

 Der Singkreis St. Vitus hat als örtlicher Kirchenchor der katholischen Pfarrgemeinde über fünf Jahrzehnte in zahllosen Gottesdiensten mitgewirkt. Das Wirken der Sängerinnen und Sänger stand dabei stets im Zeichen der Intension der Patronin der Kirchenmusik, der Hl. Cäcilia: „Das geistliche Lied zur Ehre Gottes und zur Erbauung der Menschen“ vorzutragen. Mit einem feierlichen Abschlussgottesdienst am 29. Dezember 2019 beendete die Chorgemeinschaft ihr Wirken. 

 Schon Anfang der 70er Jahre hat der Chor den ökumenischen Gedanken aufgegriffen und in Gottesdiensten und den Karfreitagsliturgien in der evangelischen Kirche gesungen. Nicht zuletzt sah es der Chor als seine Aufgabe an, das kulturelle Leben in unserer Gemeinde zu bereichern, indem er bei Veranstaltungen mitwirkte und damit auch ein Bestandteil des Bad Salzschlirfer Vereinslebens wurde. 

 Bis in die 90er Jahre war der Singkreis ein Chor mit vielen jüngeren Mitgliedern. In den darauffolgenden Jahren konnte kaum Nachwuchs gefunden werden. Ältere Chormitglieder, die meistens über Jahrzehnte dem Chor die Treue gehalten hatten, konnten aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr mitsingen oder sind verstorben. 

 Nachwuchsprobleme sind kein spezifisches Problem des Singreises. Das Singen in einer Chorgemeinschaft ist für viele junge Leute nicht mehr attraktiv, Hinzu kommt, dass die Bindung an die Kirchen nicht mehr so eng wie früher ist. Dies führt sehr oft bei klassischen Kirchenchören dazu, dass aufgrund schwindender Mitgliederzahlen das chorische Wirken nicht mehr aufrechterhalten werden kann. 

 Dies ist auch ein Problem des Singkreises geworden. Während in den 80er und 90er Jahren mehr als 40 Aktive das Chorleben prägten, waren es 2019 noch 20. In der Proben waren oft weniger als 15 Mitglieder anwesend. Der Altersdurchschnitt lag über 65 Jahre. 

 Die langjährige Chorleiterin, Monika Allendorf, hatte bereits vor längerer Zeit den Wunsch an den Singkreis herangetragen, aus persönlichen Gründen vom Dirigentenamt entbunden zu werden. Der Chor akzeptiert diesen Wunsch. Er ist Monika Allendorf dankbar, dass sie diese Aufgabe mehr als 30 Jahre mit großem Engagement wahrgenommen hat. 

 Der Chor stand vor der Frage, sich nach einem anderen Dirigenten umzusehen. Im Hinblick auf die Zahl der Chormitglieder und den Altersdurchschnitt reifte bei den Sängerinnen und Sängern der Entschluss, zum Ende des Jahres 2019 die Chortätigkeit einzustellen. Das erfüllte viele mit Wehmut. Die meisten sind über Jahrzehnte dabei: Elmar Post und Sigrid Post als Gründungsmitglieder ohne Unterbrechung seit 57 Jahren. Trotz des emotionalen Bedauerns musste der Singkreis aber die Realitäten objektiv zur Kenntnis nehmen. 

  

Die Geschichte des Singkreises 

 Nachfolgend wird das Chorleben in den zurückliegenden Jahrzehnten skizziert. Dies kann nur schlaglichtartig sein. Eine Beschreibung des gesamten Wirkungsbereichs und Vereinslebens würde den Rahmen dieser Veröffentlichung sprengen. 

 Gründung und Aufbruch 

 1961 wurde der Junglehrer Rudolf Beck an die Volksschule Bad Salzschlirf versetzt. Er war nicht nur gesellig, sondern hatte auch musikalische Befähigungen. Der damalige Ortspfarrer, Adolf Schuchert erkannte das Talent und regte die Bildung einer Singgruppe an. Zur Christmette 1962 sangen erstmalig vorwiegend Jugendliche aus der Gemeinde mehrstimmige Lieder. Am 18. Februar 1963 erfolgte die Gründung des „Singkreises der katholischen Pfarrgemeinde“.Die Singgemeinschaft machte auf sich aufmerksam und der junge Chor konnte einen starken Mitgliederzulauf verzeichnen. Es wurde zielstrebig geistliche Chorliteratur einstudiert; aber auch das gesellige Vereinsleben kam nicht zu kurz. Nach den Chorproben wurde ins damals noch bewirtschaftete „Deutsche Haus“ eingekehrt, Rudolf Beck griff zur Gitarre und es wurde begeistert gesungen. Zeichen des regen Vereinslebens waren die jährlichen „Stiftungsfeste“, die im „Kaiserhof“ gebührend gefeiert wurden. Das waren immer auch gesellschaftliche Ereignisse mit einem ansprechenden Rahmenprogramm. 

 Eine Krise im Chorleben ist in den Jahren 1966/67 dokumentiert. Der damalige Ortspfarrer Wilhelm Machura wollte den Chor zu einer Schola mit sonntäglichen Auftritten im Hauptgottesdienst umfunktionieren. Mit dem Weggang von Pfarrer Machura in 1968 war der Konflikt beigelegt. 

 Erfolgreiche Chorleistungen unter Manfred Boxheimer 

 In diese Zeit fiel die Berufung von Lehrer Beck als Schulleiter in Pilgerzell. 

Mit Manfred Boxheimer kam ein ebenfalls musikalisch versierter Lehrer an die hiesige Schule. Er übernahm die Chorleitung, warb viele Schulabgänger für die Mitarbeit im Singkreis und führte den Chor in den 70er Jahren zu beachtlichen musikalischen Erfolgen. Er und der damalige Vorstand unter dem Vorsitz von Egid Köhl verstanden es, das Vereinsleben und die Geselligkeit zu fördern. 

 Im Dienst der Ökumene 

 Manfred Boxheimer war evangelischer Christ. Durch seine Initiative öffnete sich der Chor der Ökumene und gestaltete ab dieser Zeit bis heute regelmäßig Gottesdienste in der evangelischen Kirche musikalisch aus. 

In der Folgezeit hat Manfred Boxheimer das Dirigentenamt beim Gesangverein Edelzell und im Männergesangverein „Gemütlichkeit“ Horas übernommen. Gemeinsame Auftritte waren chorische Höhepunkte in dieser Zeit. 

 Kulturelles Leben 

 Und der Chor hatte auch die Fastnacht entdeckt. Zu Karnevalsveranstaltungen wurde zunächst ins Pfarrheim, nach dem Bau des Gemeindezentrums in den dortigen großen Saal eingeladen. 

 Manfred Boxheimer folgte in der zweiten Hälfte der 70er Jahre einer Berufung in die Schulleitung seiner Heimatgemeinde Lampertheim.Noch heute ist er dem Singkreis mit regelmäßigen Kontakten verbunden. Er wird zusammen mit seiner Frau auch am 29. Dezember zum Abschlussgottesdienst kommen. 

 In diese Zeit fiel die Neuorganisation des Vorstandes. Der Singkreis bildete 1977 ein Vorstandsgremium, dessen Sprecher Herbert Post wurde, der diese Aufgabe bis heute wahrnimmt. Nach einer Interimszeit mit den Dirigenten Martin Pfeffer und Thomas Wolf hat 1980 Monika Allendorf im Alter von 23 Jahren die Chorleitung übernommen. 

 Der Chor in seiner Blütezeit 

 Mit Elan und hoher Motivation hat Monika Allendorf, die bis dahin in der Sopran-Stimme mitgesungen hatte, die Chorleitung übernommen. Sie hatte zuvor am Kirchenmusikalischen Institut in Fulda die Organisten- und Chorleiterprüfung mit Erfolg abgelegt. 

 Eine Vielzahl neuer Chorsätze wurde erarbeitet. Stellvertretend sei in diesem Rückblick die „Deutsche Bauernmesse“ genannt, die der Chor vielfach mit instrumentaler Begleitung aufführte und die ihm große Anerkennung brachte. 

 Aber auch das Vereinsleben erfuhr eine neue Dimension. Zwischenzeitlich hatten die jungen Sängerinnen und Sänger Familien gegründet. Alleine in 1986 wurden in 9 Familien von aktiven Chormitgliedern Kinder geboren. Familienfeste und Tagesausflüge prägten das Vereinsleben. Die stimmungsvollen Aufenthalte in der Adventszeit im DJO-Heim in Rodholz (Rhön), an denen zeitweise über 80 Chormitglieder mit ihren Kindern teilnahmen, sind vielen noch in bleibender Erinnerung. 

 Gemeindejubiläen 

 Die Mitwirkung in zwei Ortsjubiläen hatte für den Singkreis eine besondere Bedeutung: Die 1.100- Jahrfeier der Gemeinde in 1985 und das 150-jährige Heilbadjubiläum in 1988. Lehrer Josef Galle inspirierte den Chor, sich mit historischen Darstellungen in die Jubiläen einzubringen. Zur 1.100- Jahrfeier wurde mit einem Umzug und in der Feststraße (in der Lindenstraße) eine traditionelle Hochzeit mit Trachten dargestellt, die das Jubiläum in hohem Maße bereicherte. Drei Jahre später konnte das Heilbad auf sein 150-jähriges Bestehen zurückblicken. Auch hierzu konnten die Chormitglieder einen beachtlichen Beitrag leisten, indem im Festzug mit Kleidern aus der Jugendstilzeit der historisch belegte Besuch der Königin Karola von Sachsen in der Zeit um 1910 originalgetreu dargestellt worden ist. 

 Freude am Reisen entdeckt 

 Mit den jungen Ortspfarrern Reiner Modenbach und Andreas Matthäi, die den Chorgesang in den Gottesdiensten besonders förderten, brach in der zweiten Hälfte der 90er Jahre eine neue Epoche an. Dabei wurde auch die Ökumene belebt. Die Kinder der Chormitglieder waren älter geworden. Deshalb entdeckte der Chor das Reisen. Unter der geistlichen Leitung von Pfarrer Modenbach führte die erste große Reise in die Ewige Stadt Rom und nach Assisi. Für alle, die teilgenommen haben, ein unvergessliches Erlebnis. 

 An kulturellen Reisen hatte der Chor Gefallen gefunden. Ziele waren in den Folgejahren, die Passionsspiele in Erl, der Besuch der Stadt Prag mit einem Auftritt im Veitsdom, Reisen nach Wien und Dresden. Und auch die Urlaubsreise an die kroatische Riviera mit einem Aufenthalt im Wallfahrtsort Medjugorje sind zu einprägsamen Erinnerungen aus dieser Zeit geworden. 

 2011 bat Monika Allendorf aus beruflichen Gründen um Entbindung von der Chorleitungsaufgabe. Michael Wyczysk, der Schwiegersohn von Gisela Wyczysk, konnte für die Chorleitung gefunden werden. Er legte den Schwerpunkt auf die Erarbeitung moderner und oft Englisch-sprachiger Literatur. Damit war auch die Hoffnung verbunden, jüngere Mitglieder an den Chor zu binden. Diese Hoffnung hat sich nicht im erwarteten Maße erfüllt. Die Schrumpfung der Mitgliederzahlen, die durch das Versterben von Mitgliedern aber auch aufgrund gesundheitlicher Verhinderung eintrat, setzte sich fort. 

 50-jähriges Bestehen 

 Ein besonderes Ereignis war das 50-jährige Bestehen in 2013, das der Chor mit verschiedenen Veranstaltungen im Laufe des Jahres feierte. Dabei waren ein großer Festkommers und eine Jubiläumsveranstaltung im Kurpark die Höhepunkte. 

 Nachdem Michael Wyczysk einen Chor in seiner Heimatgemeinde Langenbieber übernommen hatte, hat er die Chorleitung beim Singkreis aufgegeben. Monika Allendorf hat diese Aufgabe erneut übernommen und den Chor bis 2019 weitergeführt.